A.R. Penck in der Städtischen Galerie Dresden (gefunden bei artnet vom 16. Mai 2008 von Daniel Kletke)
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16. Mai 2008 – Daniel Kletke
A.R. Penck – “Sein und Wesen – Der unbekannte A.R. Penck”, in der Städtischen Galerie Dresden. Vom 5. April bis zum 29. Juni 2008
Das Poster zur derzeitigen Schau in der Städtischen Galerie Dresden zeigt als Foto das Brustbild eines Mannes, der das Foto eines Mannes vor seinem Gesicht hält. In der kleineren Fotografie hält der Mann einen Zettel mit dem Aufdruck “Dresden” vor seinen Mund. Ein Bild im Bild im Bild also. Diese Annonce irritiert insofern, als nach einem Vierteljahrhundert der reduzierten Strichmännchen von A. R. Penck, die – meist in Primärfarben und mit kräftigem Pinselduktus ausgeführt – globale Kunstmärkte mit einer Ware versorgen, die hohen Wiedererkennungswert hat, man vor der Abbildung stutzt. Diese bietet nämlich, klischeehaft gesprochen, keinen Wiedererkennungswert.
Damit ist man eigentlich bereits im Kern einer Veranstaltung, die das Produkt kluger Kulturpolitik in Zeiten klammer öffentlicher Kassen darstellt: Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und mehreren weiteren Sponsoren gelang es nämlich der Städtischen Galerie Dresden, sich die umfangreiche, nahezu enzyklopädische Penck-Sammlung von Jürgen Schweinebraden dauerhaft zu sichern. Das mehrere hundert Werke umfassende Konvolut trug der Wegbegleiter und zeitweilig als des Künstlers Galerist Tätige zwischen 1956 und den frühen 1980er Jahren zusammen. Die enge Verbindung beider Männer gewährt einen authentischen, nachgerade von den Usancen und dem Druck des Kunstmarktes unberührten Einblick in die prägenden Jahre des 1939 als Ralf Winkler geborenen Künstlers. Es ist aber auch die sensible Nachzeichnung einer historischen Wegstrecke am Ort ihrer Entstehung – in Dresden. Insofern ist dies der richtige Platz, eine Künstlerpersönlichkeit zu dokumentieren, die seit ihrer Übersiedlung in den Westen in ihrer Programmatik nur noch wenig Fortentwicklung oder Facettenreichtum feilzubieten hat.
Wollte man nun mal rein hypothetisch annehmen, dieser Werkkomplex wäre nicht zusammen geblieben und also nicht öffentlich zugänglich, sondern der Vorbesitzer hätte sich zu einem wie auch immer gearteten Verkauf auf dem freien Markt entschlossen: Wie viel Aufmerksamkeit hätte man dem Sucher A.R. Penck dann entgegen gebracht, dem Experimentator mit vielen Stilen, diesem frühreifen jungen Mann, der bereits als Teenager Volkshochschulkurse bei Jürgen Böttcher belegte? Welche Folgen wären für die Preise von A.R. Penck entstanden? Gibt – oder gäbe – es überhaupt ein Interesse, den spezifischen Kanon zu erweitern und sich in die komplex-komplizierten Strukturen dieser Stilgenese hinein zu denken? Das ist eben eine “Was-wäre-wenn”-Frage. Und eine eindeutige Antwort auf sie gibt es nicht.
Zweifellos stellt die Schau, in Tandem mit ihrem kapitalen Katalog, einen neuen, weitgehend unbekannten Penck vor, der im Milieu der frühen DDR-Jahre verortet ist und so verstehbar wird. Die noch sehr suchenden Porträts seiner selbst und seiner unmittelbaren Umgebung, das von Brechts Denken stimulierte Movens, die an den Maximen des Sozialismus sich redlich abarbeitenden Bildinhalte – alles das bildet einen eher epigonalen Fonds, den man jedoch nicht missen möchte. Wo wir heute späte Nachklänge von Karl Hofer oder Oskar Kokoschka nicht immer sehr originelle Echos auf den übermächtigen Pablo Picasso wahrnehmen, begegnen wir recht bald einem Mann, der mit den Autoritäten aneinander gerät. Ausstellungen werden verhindert, die Aufnahme in Akademien torpediert und mittels umfassender kunsthistorischer Studien entwickelt sich peu à peu der Personalstil, schält sich nach der Zuwendung zur Kybernetik stufenweise heraus.
Neben den zahlreichen Öl- und Papierarbeiten gibt es auch einen der zahlreichen Experimentalfilme von A.R. Penck in der Ausstellung zu sehen. Überhaupt gelingt es der Schau, uns erneut für Person und Werk eines Künstlers zu interessieren, den wir vermeinten zu kennen, den wir wahrgenommen und abgehakt hatten. Die Frage heute ist freilich, was das aktuell bedeutet oder bedeuten kann. Gewiss werden die Monumentalschinken der letzten zweieinhalb Jahrzehnte dadurch nicht spannender. Aber ist es nicht auch Sinn und Pflicht einer Institution wie der Städtischen Galerie Dresden, Kunst und Geschichte des unmittelbaren Umfelds zu verwahren und auszustellen? A.R. Penck ist ein passendes Beispiel dafür, wie jemand, der im aktuellen Diskurs keinen Platz mehr zu haben scheint, vor nunmehr über fünfzig Jahren als ein Künstler die Bühne betrat, der von großer gesellschaftspolitischer Energie und nervös forschenden Fragen geprägt und getrieben war und der den kritischen Diskurs zu einer ganzen Republik maßgeblich betrieb, wo er nicht quasi synonym war mit diesem Diskurs.
Die Strichmännchen von A.R. Penck waren ja nicht nur zeitweilig ungeheuerlich, unerhört, skandalös, sondern sie standen stellvertretend für die wachsende Empörung eines schöpferisch Tätigen, der mittels seiner Systembilder Kommunikationsmodelle untersuchte, die die Ideale der sozialistischen Gesellschaft befragten, in Frage stellten und auf eine Art hinterfragten, die den Mächtigen schon bald unbequem werden sollte. Informationstheorien, Systeme gesellschaftlicher Kommunikationstheorien und der Versuch, diese wissenschaftlich-theoretischen Modelle visuell abzubilden, brachten den Künstler in wachsende Schwierigkeiten. Da wurden theoretisch ausgerichteten Untersuchungen plötzlich subversive Motivationen unterstellt. Und manche der bekannten Übermalungen aus der Mitte der 1970er Jahre sind ja nichts weiter, als ein seismografisch auf Konfrontationen reagierendes Künstlermanöver: Um Arbeiten zu gestalten, deren Themen politisch inopportun waren, wurden sie übermalt und so in den unteren Schichten, wenn auch unsichtbar geworden, doch noch bewahrt.
Der Lebenslauf von Ralf Winkler und das von ihm erstellte Werk sind auch insofern spannende, wertvolle Zeitdokumente, als mit Beginn der 1970er Jahre eine Art Doppelexistenz in Ost und West für ihn begann, wie wir sie aus zahlreichen anderen Fällen erinnern. Da kommt es 1972 zur Teilnahme an der documenta, aber 1973 ebenso zur ersten umfassenden Einzelausstellung Pencks in der DDR. Im Westen als Exot rezipiert und unter den potenten Fittichen von Harald Szeemann und Michael Werner herumgereicht und gestützt, war das Dasein in der DDR ein gänzlich anderes, von Repressalien begleitetes, an dem es sich abzuarbeiten galt. Wo im Westen bald die Ästhetik des Wiedererkennens einziges Thema war, spielten sich in der DDR natürlich ganz andere Szenen ab, was am Ende zur Emigration (auch des Sammlers und Wegbegleiters Jürgen Schweinebraden) führte. Die letzte in der DDR vorbereitete Lithoserie signierte Penck schon nicht mehr selber, weil er “nach drüben” gegangen war.
Im zwanzigsten Jahr nach der Wende ist das Werk eines unruhigen Geistes nach Dresden und somit nach Hause zurück gekommen. Man wünscht ihm viele Besucher, weil es – Beispiel gebend für zahllose andere Biografien – ein Stück Zeitgeschichte nachzeichnet, die in ihrer differenzierten Komplexität im kollektiven Gedächtnis vermutlich nie verankert war. Welchen kunsthistorischen Stellenwert A.R. Penck dereinst bekleiden, wo er sich einpendeln wird, diese Frage stellt sich angesichts der Schweinebraden Sammlung noch einmal ganz neu.
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